Konträre Erziehungsstile

und die Auswirkungen auf das Erwachsenenleben

Das Aufwachsen in einem Elternhaus mit sehr konträren Erziehungsstilen hat Auswirkungen auf die gesamte Lebensgestaltung. Ein autoritärer Vater, selbst stark geprägt von althergebrachten Vorstellungen wie Männer zu sein haben und eine ebenfalls im Rollenklischee gefangene, angepasste, harmonisierende Mutter, sorgen für eine sehr unterschiedliche Grundstimmung und Haltung dem Kind gegenüber, je nach Anwesenheit der Bezugspersonen. Dies führte, aufgrund ausgesprochener und unausgesprochener Erwartungen zu einer angepassten, eigene Bedürfnisse unterdrückenden Haltung des Kindes. Das Kind erfährt so wiederholt, dass es sich den jeweiligen Gegebenheiten anpassen muss. Während auf der Seite des Vaters Regeln und Grenzen nicht nur unumstößlich sind, sondern nur Anpassung und Erfüllung der Erwartungshaltungen zu Zuwendung und Anerkennung führen, ist die dem Kind zugewandte Haltung der Mutter in Abwesenheit des Vaters in seiner Gegenwart nicht mehr stabil und sicher auf das Kind ausgerichtet. Daher ist sie nicht als gleichwertig mit der des Vaters zu sehen, ist sie doch nicht an ein Verhalten gebunden, sondern zeigt sich nur dann, im Widerspruch zu den Erwartungen des Vaters, wenn dieser nicht anwesend ist. Die Mutter wird als schwächer als der Vater erlebt und als ebenso abhängig von seiner Anerkennung, wie das Kind selbst.

Außerhalb des Elternhauses hat das Kind, in der von Gleichaltrigen geprägten sozialen Umgebung, kein Modell und keine Anleitung für das dort geforderte oder erwünschte Verhalten. Hier führen die bisher erworbenen Verhaltensmaximen des Elternhauses nicht zum gewünschten Erfolg.

Der Mangel sich selbst im sicheren Umfeld des Elternhauses ausprobieren, auflehnen und Grenzüberschreitungen üben zu können, hat außerhalb des kontrollierenden Elternhauses daher schnell unkontrolliert impulsives und regel überschreitendes Verhalten zur Folge.

Das Kind lernt im Umfeld der Gleichaltrigen dann, dass im Gegensatz zu dem elterlichen Umfeld, Regelverstöße und extreme Verhaltensweisen oft zu Anerkennung und zugewandtem, respektvollem Verhalten ihm gegenüber führen. Dies führte zu weiteren Verhaltensauffälligkeiten aus denen die Eltern schließen, dass eine weitere Disziplinierung, auch im Freizeitbereich notwendig sei.

Um weitere problematische außerhäusliche Situationen zu vermeiden werden so weitere Anteile, der zuvor kreativ und frei vom Kind gestalteten Zeit, in disziplinierende Sportarten oder ähnliche Disziplinarmaßnahmen umgeleitet.

Hier machte das Kind die Erfahrung, dass die Erfüllung der Erwartungshaltungen anderer nicht nur Anerkennung und Zuwendung, sondern das ein Übertreffen der Erwartungshaltung sogar zu einer neuen Form von Anerkennung und Unterstützung durch den Vater führt.

Allgemeingültige Anforderungen, wie schulische Leistungen, das aufgrund des Lernprozesses im Setting der Peergroup immer wieder auffallende „extreme Verhalten“, werden in den Augen des Vaters durch sportliche Erfolge relativiert.

Die Eltern „belohnen“ das Kind für seine Anstrengungen in Form nicht altersentsprechender, es überfordernder Freiheiten. In der Gleichaltrigengruppe wiederum muss es, aufgrund der zeitlichen Einschränkungen mehr „Leistung“ erbringen um seine Zugehörigkeit und Anerkennung nicht zu verlieren.

Die Übernahme der Vorstellungen des Vaters, wie gute Leistungen zu definieren sind, führen zu Erwartungshaltungen an sich selbst, in allen Lebensbereichen, die eine ständige Überforderung darstellen. Damit ist ein Kreislauf von Misserfolgs Erfahrungen eingeleitet, ein nicht gut genug sein und letztendlich ein verringertes Selbstwertgefühl außerhalb der „zu erwartenden“ überdurchschnittlichen Leistungsfähigkeit.

Die ständig sich ändernden Erwartungshaltungen der unterschiedlichen Bezugspersonen führen gleichzeitig zu einer Sensibilisierung bei der Einschätzung von Stimmungslagen anderer und dem meist sogar erfolgreichen Versuch des Kindes darauf möglichst adäquat zu reagieren.

Die daraus resultierenden empathischen Fähigkeiten, die Sehnsucht und das Verlangen nach Anerkennung und befriedigender Zuwendung motivierten das Kind zu, je nach wahrgenommener Bedürfnislage oder Erwartungshaltung anderer, völlig unterschiedlichen aber immer an anderen orientierte, angepasste Handlungsweisen und Rollenübernahmen. So verbleibt es in einem Spannungsfeld zwischen überangepasstem und unangepasstem Verhalten, kann eigene Bedürfnisse nicht gut wahrnehmen, geschweige denn ausleben und neigt, zugunsten anderer, zu einer ständigen Überforderung seiner Person.

Die in den Augen des Kindes durch extrem unterschiedliche Verhaltensweisen und Bedürfnisse getrennten Welten der Eltern (Erwachsenen) und der Gleichaltrigen führten dabei also nicht nur zu teilweise sehr konträr gelebten Rollen, sondern auch zur Unterdrückung und Verleugnung eigener Bedürfnisse und Vorstellungen. Zur Not werden diese als lächerlich, kindisch oder in sonstiger Form unangemessen abgewertet. Es entstehen so unterschiedliche und nicht zu vereinbarende Rollen und Weltsichten, wobei das Kind selbst in keiner authentisch, eigenen Bedürfnissen oder Vorstellungen entsprechend leben kann.

Die Missachtung oder auch mangelnde Wahrnehmung eigener und die gesteigerte Sensibilität für die Bedürfnisse anderer, führen bei einer Veränderung des sozialen Umfeldes oder neuen Bezugspersonen zu neuen angepassten Verhaltensweisen, Rollen und Weltsichten. Diese werden immer wieder völlig übernommen und gelebt, können auf Dauer jedoch nicht aufrechterhalten werden, so das als Reaktion auf die Unterdrückung eigener Befindlichkeiten unvorhersehbares impulsives, für andere unverständliches Verhalten folgt.

Da der Ablösungsprozess von den Eltern zudem nicht altersentsprechend vollzogen werden kann, eine Abgrenzung, Auflehnung, ein in Frage stellen nicht möglich ist, bleibt nur die Übernahme und Weiterführung der dort geprägten Lebensinhalte und Verhaltensweisen. Die Verhinderung dieses Prozesses der Verselbständigung durch die gleichbleibend hohe, von autoritärem Verhalten geprägte Erwartungshaltung, bei gleichzeitig immer dann zugewandter Unterstützung und Anerkennung, wenn Leistungen erwartungsgerecht erfüllt werden, führen zu einem durchgehenden alle Energie einfordernden überhöhten Spannungszustand. Dieser hat eine instabile, unrealistische Einschätzung eigener Fähigkeiten zur Folge die zwischen Selbstüberschätzung, Selbstüberforderung und Selbstabwertung schwankt.

Hier wurde somit erfolgreich ein Belohnungssystem antrainiert, dass immer nur für überdurchschnittliche Leistungen belohnt. Eine Verhaltensweise wird nur dann als erfolgreich betrachtet, wenn diese als eine überdurchschnittliche Leistung, im Verhältnis zu anderen, betrachtet werden kann. Diese ständige Betrachtung anderer als Konkurrenz, die ständige überhöhte Erwartungshaltung an sich geben das Gefühl immer mehr leisten zu müssen als andere um Zufriedenheit erreichen zu können. Dieses Gefühl besteht auch in Situationen in denen diese Leistungsfähigkeit aufgrund einer Selbstüberschätzung und Überforderung nicht gegeben ist, die physischen oder psychischen Möglichkeiten zur Leistungsvollbringung nicht gegeben sind und sorgte für übermäßig viele sich wiederholende Misserfolgserlebnisse.

Konfliktlösungsstrategien konnten aufgrund des elterlichen Erziehungsstils nicht ausprobiert oder vom Modell erlernt werden, so dass auf Misserfolge häufig eine Selbstabwertung, dann eine resignative Haltung mit Isolation, und Flucht folgt. Versagen ist dann kein natürlicher Prozess mehr, den es zu überwinden gilt, der verändertes Verhalten, neue Strategien nach sich zieht und der zu neuen Herangehensweisen führt, sondern ein vernichtender Schlag der die gesamte Existenz in Frage stellt. Für das Erleben von gelungenen Konfliktlösungen auf Augenhöhe gab es keine Modelle, daher konnten sie nicht erlernt werden und sind in diesen Situationen nicht verfügbar.

Die durch Selbstabwertung, Resignation, Isolation und Verdrängung eingeschränkte Selbstreflektionsfähigkeit, die unzureichende Erfahrung der Selbstwirksamkeit die fehlenden Erfahrungen mit funktionierenden Konfliktlösungsmöglichkeiten und dazu die Unfähigkeit eine Befriedigung durch auf eigene Bedürfnisse ausgerichtetes Verhalten zu erreichen, schränken die Handlungsmöglichkeiten im Falle des Misserfolgs zusätzlich stark ein.

Der Lernprozess sich an den Erwartungshaltungen anderer zu orientieren und diese zu eigenen Erwartungshaltungen zu machen führen an sich schon zu einer nicht an die gegebenen Möglichkeiten angepassten Selbstwahrnehmung. Diese verzerrte Selbstwahrnehmung, entstanden aus dem Spannungsfeld des angepassten, funktionierenden Leistungserbringers, bzw. als in Extremen lebender Regelbrecher belohnt zu werden, ohne sich dabei eigener Bedürfnisse und Wünsche bewusst zu sein und diese weder beachten noch befriedigen zu können, führen zu einem Gefühl von Leere, von „anders sein“ und letztendlich zu tief empfundener, als unveränderlich hingenommener Einsamkeit.

Dieser für die Pubertät „normale“ Prozess der Abgrenzung von anderen, der eine Individualisierung, eine Entwicklung, hin zur Ausrichtung auf eigene Interessen und Bedürfnisse nach sich zieht, ist als Erwachsener durch das soziale Umfeld das diesen Prozess schon durchlaufen hat, stark erschwert. Die Suche nach neuen Gemeinschaften an den man sich orientieren kann in Verbindung mit den zuvor gelernten Verhaltensweisen sich stark den Erwartungshaltungen anzupassen oder durch Regelverstöße eine Gruppenzugehörigkeit zu erreichen führt in fortgeschrittenem Alter nicht mehr zum gewünschten Erfolg. Die erlernte Konkurrenzhaltung und der Mangel an konstruktivem Umgang mit Misserfolgen, der daraus resultierende Mangel an Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten führt hier häufig zum Rückzug in eine selbstgewählte Isolation. Die Möglichkeit aufgrund des Erkennens eigener Defizite neue Fähigkeiten zu erwerben, Konflikte innen wie außen konstruktiv zu lösen erscheint zu schwierig und nicht zu bewältigen.

Verspricht eine Sache, egal ob zwischenmenschliche Beziehung oder ein Projekt, erfolgreich zu werden, so war scheinbar die dafür erforderliche Leistung nicht anspruchsvoll genug und es werden weitere, erschwerende Anforderungen produziert. Belohnung darf es ja nur geben, wenn der antizipierte Erfolg erreicht wird, weil die eigene Leistung über der Erwartungshaltung der anderen liegt.

Physisch gesehen ist auch das Belohnungssystem an das im Elternhaus erlernte Verhalten angepasst. Das erschwert eine Verhaltensänderung in Eigeninitiative zusätzlich. Das Gehirn produziert nur dann in ausreichendem und wahrnehmbaren Maße den Neurotransmitter Dopamin, der ein tiefes Verlangen nach der erfolgreichen Bewältigung weckt, wenn die innere Haltung dies zulässt. Jahrelang wurde das Belohnungssystem aufgrund erlernter Verhaltensweisen aktiviert. Ein Umlernen von Verhalten hingegen ist ein schwieriger Prozess, macht Angst, Katastrophendenken, Misserfolgserwartungen werden schneller aktiviert als Erfolgserwartungen da der Prozess von Unsicherheit und einem Verlassen gewohnter Wege begleitet ist. Eine Aktivierung des mesolimbischen Systems kann aber nur erreicht werden, wenn geringe Selbstwirksamkeitserwartungen die Bewältigungshoffnung nicht stören, geringe Belohnungserwartungen und Prozessabbrüche nicht aufgrund von Misserfolgserwartungen aktiviert werden.

Die ersten beiden Denkstrukturen untergraben die Dopaminausschüttung und damit die Motivation anzufangen und dranzubleiben. Bei Selbstwirksamkeitsproblemen müsste daher gegen die erlernten Strategien und Verhaltensweisen aktiv vorgegangen und mit kleineren Erfolgserlebnissen dafür gesorgt werden das die Dopaminausschüttung wieder funktioniert. Das jedoch widerspricht ja gerade dem erlerntem Verhalten. Der darauf meist folgende Prozessabbruch verhindert die Endorphinausschüttung und damit die körpereigene Belohnung für die Leistung und dies bestätigt dann wiederum das Selbstwirksamkeitsproblem.

Um tatsächlich motiviert zu werden, zu bleiben und mit der Leistung glücklich zu sein braucht es eine Arbeit an den eigenen Emotionen, die sich primär auf die erfolgreiche Bewältigung einstellt, die anvisierten Belohnungen klar im Augen hält und die begonnenen Prozesse tatsächlich erfolgreich abschließt.

Niemand ist mit eigenen defizitären Leistungen oder Verhaltensweisen glücklich, jeder neigt immer wieder zu überhöhten Erwartungen an sich selbst. Es geht also darum eigene Erwartungen zu relativieren, aber trotzdem Erfolg zu erwarten. Anzufangen, dranzubleiben, auch wenn es sich nicht sofort positiv auswirkt, dranzubleiben und die kleinen Erfolge mit sich selbst zu feiern und dann abzuschließen. Wir tragen unser körpereigenes Belohnungssystem immer bei uns, wir benötigen kein externes, wenn wir es bewusst nutzen, indem wir unsere kleinen Erfolge schätzen.

Wenn jetzt noch der Einsatz von „Ersatzstoffen“, von Drogen jeglicher Form, die eine schnelle Bedürfnisbefriedigung, ein Verdrängen, eine Selbstwertsteigerung ohne Anstrengung bringen zuvor als positive Erfahrung gelernt wurde, verhindert dies jeglichen Lernprozess.

Die Anstrengung einer Veränderung kann erfolgreich vermieden werden, indem durch die schnelle Ersatzbefriedigung, die „nicht sofort erhaltenen“ Belohnung, der kleine Erfolg abgewertet, verdrängt und übergangen wird.

Das alte Verhaltensmuster bleibt somit bestehen, Misserfolgserwartungen werden durch den Konsum ebenso bestätigt, wie die Selbstwirksamkeit negiert werden kann. Die Rückkehr zu alten Verhaltensmustern und die Erleichterung, das ein Umlernen nicht möglich ist wird akzeptiert und der Kreislauf der Resignation, Isolation beginnt von vorne. Das Beste an diesem Kreislauf jedoch ist, er ist bekannt und fühlt sich an wie ein Zuhause.

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